Peter Jennrich
- Facharzt für Allgemeinmedizin/Naturheilverfahren/Akupunktur
- Direktor des International Board of Clinical Metal Toxicology
- Wissenschaftlicher Berater der Deutschen Ärztegesellschaft für klinische Metalltoxikologie

Der Aderlass

„Dass man den Aderlass vernachlässigt, ja vergessen hat, gehört zu den betrüblichsten Erkenntnissen eines Arztes, der die Geschichte der Heilkunst studiert. Besonders aber für denjenigen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Methoden der Heilung anzuwenden, bevor er zu Medikamenten greift. Es ist nämlich seltsam, dass der einfache Aderlass gerade dort hilft, wo man heute schwere und schwerste Arzneien einsetzen zu müssen glaubt.“

Mit dieser Feststellung beginnen Prof. Stiefvater und Dr. Abele in ihrer „Aschner-Fibel“ das Kapitel über den Aderlass – nach ihrer Ansicht eine der wichtigsten überlieferten Heilmethoden.
Der Aderlass besaß bereits zu Zeiten des Hippokrates eine jahr-hundertealte Tradition. Nach der Überzeugung des Hippokrates erzeugt die Überfüllung mit Blut eine sogenannte Plethora, was man sinngemäß als „Blutstauung“ bezeichnen kann. Diese Stauung wiederum kann zu hohem Blutdruck, Durchblutungsstörungen verschiedenster Art, Entzündungen und Schmerzen führen. Die Stauung des Blutes kann sich auf den gesamten Organismus beziehen oder nur auf einzelne Organe, die dann in ihrer normalen Funktion beeinträchtigt werden, weil die Durchblutung und damit die Nährstoffzufuhr und der Schlackenabtransport des jeweiligen Organs gestört sind.

Aufgrund eigener jahrelanger Erfahrungen besaß der Aderlass für Hippokrates zum einen eine wichtige entzündungshemmende, zum anderen eine schmerz- und krampfstillende Wirkung. Im Laufe der Jahrhunderte war der Aderlass leider auch der Mode  der verschie-denen Zeitepochen unterworfen. Einmal wurde er als Allheilmittel hochgepriesen, ein andermal wiederum zur Nichtigkeit verdammt. Von Paracelsus (1493—1 541) wissen wir zum Beispiel, dass er sich -wohl zu recht- gegen das übertriebene „zur-Ader-Lassen“ ausgesprochen hatte. Hufeland (1762—1836) würdigte den Aderlass sehr und rechnete ihn zu den wichtigsten Hauptmitteln der Heilkunst.

Wirkungen:

1.Erzielung lokaler und allgemeiner Blutverminderung

Dies kann hilfreich sein bei hohem Blutdruck,  bei Herzschwäche mit Volumenbelastung des Herzens oder bei Krampfadern.

2. Blutverdünnung.

Durch die mäßige Blutentziehung wird die verlangsamte Strömungsgeschwindigkeit wieder erhöht, indem das spezifische Gewicht, die Konzentration und die Viskosität des Blutes herabgesetzt werden. Dies ist von besonderer Bedeutung zur Vorbeugung und zumindest zur unterstützenden Therapie von  Thrombosen, Embolien und weiteren Herz- und Gefäßerkrankungen

3. Entzündungshemmende Wirkung.

 Früher wurde der Aderlass erfolgreich bei akuten, aber auch bei manchen chronischen, infektiösen und nicht infektiösen Entzündungen eingesetzt. Dazu gehören Herpes zoster, Herpes labialis, Neurodermitis, Akne, Furunkel und Karbunkel, Eierstockentzündungen, Brustdrüsenentzündungen, Nierenentzündungen, Venenentzündungen (Thrombophlebitis), Leberentzündungen(Stauungs-Hepatitis) und viele weitere Entzündungen unterschiedlicher Organe. Ganz besonders hilfreich war der Aderlass bei häufig wiederkehrenden (rezidivierenden) Entzündungen, denen man ohne Blutentziehungen fast machtlos gegenüberstand.).  

 4. Die blutreinigende und entgiftende Wirkung

Durch Entfernung eines Teiles des Blutes aus dem Blutkreislauf wird die Bereitstellung und Neubildung des Blutes angeregt. Gleichzeitig werden durch den Aderlass Giftstoffe, die von außen oder aus dem Körper selbst ins Blut gelangt sind entfernt. Diese entgiftende Wirkung findet sich  schon in der alten indischen Medizin, in der der Aderlass bei Rauchvergiftungen zur Vorbeugung vor der drohenden Erstickungsgefahr eingesetzt wurde. Auch bei Belastung des Blutes mit Stoffwechselgiften wie beispielsweise mit Fäulnis- und Gärungsprodukten aus dem Darm  und den damit verbunden Erkrankungen hat sich der Aderlass als hilfreich bewährt. Dies hat sich gezeigt bei häufigen Mandel- und Nasennebenhöhlenentzündungen, bei Heuschnupfen und anderen Allergien wie Asthma und Urtikaria, bei Akne und Migräne, sowie bei rheumatischen Erkrankungen.

5. Die beruhigende, krampf- und schmerzstillende Wirkung


Diese Wirkungen des Aderlasses wurden zur rechten Zeit und im rechten Maß eingesetzt zur Therapie von Muskel- und  Nervenschmerzen, sowie bei Durchblutungsstörungen der Beine des Herzen und des Kopfes, die durch Gefäßkrämpfe verursacht waren. 

Sicher lassen sich die Probleme der modernen Tierversuchsmedizin nicht dadurch lösen, dass wir uns lediglich auf altbewährte Therapieverfahren zurückbesinnen und eine  „fortschrittsfeindliche“ Haltung einnehmen. Dies wäre ebenso töricht wie die Einstellung, wir könnten auf die Erfahrungen von tausenden von Jahren medizinischer Heilkunst verzichten.


Der Aderlass sollte meist nur in Zusammenhang mit einem Gesamt-therapiekonzept angewandt werden um eine erfolgreiche thera-peutische Wirkung zu erzielen. Nur selten wird er als alleinige Maßnahme zum Erfolg führen. Liegt  beispielsweise einer Erkrankung eine Belastung mit Stoffwechselgiften zugrunde, die aus dem Darm stammen, so muss natürlich außer der Entlastung des Blutes die Ableitung von Giftstoffen über den Darm erfolgen.
Auch gibt es eine Reihe von Kontraindikationen, die beachtet werden müssen. Dazu gehören akute Durchfallerkrankungen, niedriger Blutdruck, sowie die Zeit der weiblichen Regelblutung.



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